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Bernd Schroeder
Warten auf Goebbels

Bernd Schroeder | Warten auf Goebbels
Bernd Schroeder hat die merkwürdige Geschichte des letzten Nazi-Film der Ufa aufgegriffen, angelehnt an die preisgekrönte Dokumentation von Hans Christian Blumenberg: „Das Leben geht weiter“ (1993, Rowohlt). 'Das Leben geht weiter' war der teuerste Ufa-Film überhaupt, Regie führte Wolfgang Liebeneiner, dem Goebbels persönlich den Professorentitel verliehen hatte für sein verschiedenen NS-Propagandafilme, Hauptdarsteller waren Hilde Krahl, deren Szenen wegen ihrer Schwangerschaft vorverlegt werden mussten, Gustav Knuth, Marianne Hoppe, Viktor de Kowa, der als bestbezahlter Schauspieler sich nach Kriegsende eine Widerstandslegende anlog, die erst sehr viele Jahre später ans Licht kam. Gedreht wurde erst in Babelsberg, dann auf dem Fliegerhorst Lüneburg; dort in der Nähe wurden auch in einer mittelalterlichen Kirchengruft die Filmrollen versteckt, die allerdings später verschwunden waren und nie wieder aufgetaucht sind.
Die Geschichte wäre Stoff zu einem spannenden Film, Schroeder erzählt sie meisterlich:
Szenendialoge aus dem Film, die der Leser (zumindest im ersten Drittel des Buchs) für authentisch hält, bis der Regisseur plötzlich unterbricht, und die reale Handlung weitergeht. Dazu sind das ganze Buch über fingierte Biographien der Darsteller und Mitarbeiter am Set, immer bevor sie in der Realität des Drehs wichtig werden, eingestreut und immer wieder Originalzitate aus Reden bzw. Briefen usw. von Joseph Goebbels, deren sich steigernder Irrwitz gespenstisch mit der zunehmenden Einsicht in den bevorstehenden Zusammenbruch Deutschlands kontrastiert. Es lohnt dies Buch zu lesen!
   
Bernd Schroeder © Peter Andreas Hassiepen
© Peter-Andreas Hassiepen

  Anfang 1945, Berlin steht in Flammen. Doch die UFA dreht einen Film über den Tag, an dem der Führer mit seinem Volk den Sieg feiern wird. Ein Motorrad saust durch schöne Kulissen, der Vater zeigt seinem Sohn, wofür er in Russland gekämpft hat. Noch einmal wird den Deutschen Mut gemacht, Mut im letzten Augenblick. Während der 2. Weltkrieg auf sein Ende zu tobt, spielen berühmte Schauspielerinnen und ehrgeizige Statisten, schwule Stars und diktatorische Regisseure immer weiter. Und das Schlimmste: Goebbels spielt Goebbels. Das Warten beginnt. Bernd Schroeders verblüffender Roman bringt das Lächerliche und das Grauenvolle zusammen, er spiegelt die große Katastrophe in einem grotesken Endspiel.

Bernd Schroeder, geboren 1944 im heute tschechischen Aussig, wuchs im oberbayerischen Fürholzen auf. Er lebt in Berlin. Als Autor und Regisseur zahlreicher Hör- und Fernsehspiele erhielt er 1985 den Adolf-Grimme-Preis und 1992 den Deutschen Filmpreis. Zuletzt erschienen bei Hanser: Hau (Roman, 2006), Alte Liebe (Roman, 2009, mit Elke Heidenreich), Auf Amerika (Roman, 2012), Wir sind doch alle da (Roman, 2015) und soeben: Warten auf Goebbels

Moderation: Ernst von Borries



Mittwoch, 29.03.2017 
19.30 Uhr
 
7,-/5,- €

Seidlvilla
Nikolaiplatz 1b
80802 München
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